Der Töpferofen ist zurück!

In Tecklenburg-Leeden ist nach langer, intensiver Vorbereitung ein mittelalterlicher Töpferofen angekommen. Es ist der besterhaltene Töpferofen dieser Epoche in ganz Nordeuropa. 50 Jahre nach dem sensationellen Fund im Habichtswald soll er künftig neben dem Stiftshaus zu sehen sein.

Am 24. August um 13 Uhr hebt sich das Gut von „unschätzbarem Wert“, so Anna Windmüller, Restauratorin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, vom Sattelschlepper vor der Leedener Stiftskirche empor. Siebeneinhalb Tonnen wiegt der vier Meter lange und zwei Meter breite historische Töpferofen. Ab dem Moment des Schwebens gleitet der Sensationsfund des Jahres 1976 vom Bestand des Industriemuseums für Ziegelei, Lage, in den Bestand des Heimatvereins Leeden. Ein interessierter Kreis hat sich eingefunden: Mitglieder des Heimatvereins und der Interessengemeinschaft (IG) Leeden, aber auch zufällige Gäste betrachten mit Faszination und Ehrfurcht den Abladevorgang.

Um 10.04 Uhr am Montagmorgen (24. August) hatte sich der Sattelschlepper vom LWL-Ziegeleimuseum in Lage auf die 92 Kilometer lange Strecke über die A33 hin zum Stiftsort in Bewegung gesetzt. Verpackt in einem Holzkokon, eingewoben in schwarze Kunststofffolie und nach unten hin gesichert mit einer Stahlkonstruktion, geht es über die Autobahn gen Teuto. Nun wird die wertvolle Fracht Zentimeter für Zentimeter vom Hänger Richtung Endposition bewegt.

Der Ofen hängt zwischen Himmel und Erde
An dem 15 Meter hohen Kran spannt die Last am Haken das Stahlseil. Die Sensation aus dem Habichtswald hängt zwischen Himmel und Erde in der Luft. Er, der vor 50 Jahren mithilfe eines Bergungspanzers der Bundeswehr dem Waldboden des Habichtswaldes entrissen wurde, erhält nun im Schatten der evangelischen Kirche, direkt neben dem Stiftshaus, seine endgültige Ruhestätte. Spontaner Jubel macht sich um 13.18 Uhr unter den Anwesenden breit – der historische Töpferofen hat seine endgültige Standposition gefunden.

Für Hermann Pötter erfüllt sich an diesem Tage ein Teil seiner Familiengeschichte: „Für mich ist das heute ein sehr historischer und außergewöhnlich schöner Tag“, so das Urgestein des Heimatvereins. Seine Familie hätte am Pötterfeld gelebt und eben auch getöpfert, berichtet er. „Dreiviertel meines Lebens bin ich hinter ihm hergelaufen und habe immer wieder gefragt, ob wir ihn zurückhaben können“, so Pötter. Jahrzehntelang habe er nur ein „Nein“ bekommen: „Aber jetzt gab es ein ‚Ja‘ und das ist gut für ganz Leeden!“

Anna Windmüller, Restauratorin des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), Bereich Industriemuseen, Referat Restaurierung, ist beim Transport in Lage und auch in Leeden als Hauptverantwortliche anwesend und koordiniert die Arbeiten. Sie findet es gut, dass der Ofen wieder in seine ursprüngliche Region verbracht wird. Die Archäologin beschreibt die Veränderung im Museumswesen: „Heute ist es so, dass archäologische Objekte in ihrer Fundsituation ausgestellt werden, also in ihrem eigentlichen Kontext“, so die in Dortmund beheimatete Mitarbeiterin des LWL.

Rückkehr in die ursprüngliche Region
Dadurch konnte sich die Tür für den Heimatverein „öffnen“ und der Ofen durch die intensiven Bemühungen zurück in sein ursprüngliches Areal gelangen. Zudem passte der aus dem 13. Jahrhundert stammende Ofen nicht wirklich zu dem Industriemuseum. Und dennoch machte es nach ihren Worten zum damaligen Zeitpunkt Sinn, ihn in Lage anzusiedeln: „Weil es damals keinen anderen Ort gab, um ihn zu schützen und zu erhalten“, so die Archäologin.

Der besterhaltene mittelalterliche Töpferofen Nordeuropas wird, anders als die daneben liegenden Gräber der Äbtissinnen des Stiftes Leeden, nicht wirklich Ruhe finden. Vielmehr wird in den nächsten Tagen eine Art „Glas-Sarkophag“ um die Bruchsteinmauer herum gebaut werden. Die Reise selbst hat er gut überstanden. Eine erste vor Ort vom LWL übernommene Prüfung ergibt, dass der Töpferofen beim Transport keinen Schaden genommen hat.

Unzählige Augenpaare können ihn von da an betrachten, bestaunen, bewundern. Der Heimatverein Leeden schätzt sich glücklich, den Töpferofen endlich ins eigene Inventar aufnehmen zu können. Bereits 1998 hatte der ehemalige Vorsitzende Rudolf Rogowski die Rückkehr des Ofens als epochales Ziel formuliert. Viele Zwischenetappen mussten bis dahin über all die Jahre beschritten werden.

Ein jahrzehntelanger Wunsch erfüllt sich
Rogowski steht auch am Montagmorgen vor dem Stiftshaus und betrachtet die Erfüllung eines jahrzehntelangen Wunsches. Rogowski berichtet, dass er bei jeder Führung im Stiftshaus darauf hingewiesen habe, dass der Ofen hierhin gehöre. Insbesondere, wenn er die in den Vitrinen befindlichen Exponate von der Fundstelle dem interessierten Publikum im Stiftsmuseum zeigte. Nun ist dieses Ziel für alle Zeiten erreicht.

Andächtig sind seine Gedanken bei der Herzenswunscherfüllung: „Mein Herz ist wieder etwas ruhiger geworden.“ Die Töpferei im Habichtswald dürfte von der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts gearbeitet haben. Dieser Zeitansatz lässt sich durch historische Daten stützen. Im Jahre 1248 wurde das Stift Leeden gegründet, mit dem die Töpferei in Verbindung gebracht werden muss.

Zum Untergang der Töpferei an dieser Stelle mag die um die Mitte des 14. Jahrhunderts ausbrechende Pest, die den Absatz reduziert haben wird, sowie auch die Tecklenburger Fehde in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts beigetragen haben. Überraschend war 1977 die Vielfalt der im Habichtswald produzierten Töpferware. Beinahe alle bisher bekannten Gefäßtypen dieser Zeitspanne, wie Kannen, Grapen, Schüsseln und Pfannen, aber auch andere Gebrauchsgegenstände wie Webgewichte, Spinnwirtel und reich verzierte Lichtstöcke, sind hier hergestellt worden.

Funde aus der mittelalterlichen Töpferei
Kerzenständer wurden auf der Abwurfhalde der mittelalterlichen Töpferei gefunden. Der größte ist zehn Zentimeter hoch. Besonders erfreulich war, dass das Fundmaterial aus der Abwurfhalde auch einen Einblick in das keramische Spielzeug dieser Zeit bot. Besonders sind Fundstücke wie kleine Figürchen, Pferdedarstellungen, Murmeln und Miniaturgefäße. Diese Funde ermöglichten einen Einblick in das Kinderspiel der damaligen Zeit. In einer gesonderten Vitrine sind diese besonderen Exponate im Stiftsmuseum anzuschauen.

Quelle: WN / Jörg Wahlbrink
Fotos: Jörg Wahlbrink