Foto vlnr: Lukas Wermeyer (Mitarbeiter von Laumann), Karl-Josef Laumann (NRW-Arbeitsminister), Anja Karliczek (Bundestagsabgeordnete), Gerhard Wellemeyer (IG Leeden), Stefan Streit (Bürgermeister), Heinz Saatkamp (Marktmeister)
„Kleine Dörfer brauchen eine gewisse Infrastruktur“, meinte Karl-Josef Laumann am Dienstag (27.20.2026) auf der Diele des Stiftshofs. Anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Feierabendmarkts hatte die Interessengemeinschaft Leeden (IGL) neben dem NRW-Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales auch die Bundestagsabgeordnete Anja Karliczek sowie Bürgermeister Stefan Streit eingeladen. Vorsitzende der Vereine des Stiftsdorfs nahmen ebenfalls an der Gesprächsrunde teil, so dass die etwa 30 Anwesenden in etwa eineinhalb Stunden viele Alltagsthemen zum Leben im ländlichen Raum thematisierten.
„Zunächst haben die Gäste unseren einzigen wöchentlichen Feierabend-Markt in der Region Münster und Osnabrück besucht“, beschrieb Organisator Gerhard Wellemeyer vom IGL-Vorstandsteam den Ablauf des besonderen Besuchs. Rund um die Remise kamen die regionalen Politiker mit den Beschickern und Besuchern ins Gespräch, so Wellemeyer.
„Leeden ist ein kleines Juwel!“, zitierte der IGL-Ehrenamtliche Anja Karliczeks Aussage aus dem Jahr 2022 bei ihrer Rede zum 25-jährigen IGL-Jubiläum, bei seiner Begrüßung zum Austausch in der gemütlichen Atmosphäre der rustikalen Diele des Stiftshofs. Das Stiftsdorf mit etwa 2300 Einwohnern stand immer wieder als Beispiel im Mittelpunkt.
„Wir müssen die Infrastruktur in ländlichen Gebieten sehr im Auge behalten“, betonte Karl-Josef Laumann. Der CDU-Minister aus Riesenbeck-Birgte lenkte den Blick auf das, „was die Leute zum Leben brauchen“. Von der Kneipe vor Ort, Gaststätten, Kindergärten und Grundschulen sprach Laumann, der auch besonders würdigte, dass „Vereine etliche Angebote aufrecht erhalten“.
Die medizinische Versorgung war ebenfalls ein Gesprächsgegenstand. Laumann verwies auf die Einführung der Landarztquote 2017, die bald dafür sorge, dass jährlich rund 200 Mediziner für den ländlichen Raum fertig ausgebildet seien. Das sichere auch die Existenz von Apotheken und fördere den öffentlichen Personennahverkehr, denn der Minister erklärte den Anwesenden: „Wenn nichts im Dorf da ist, führt das zu schlechter Stimmung.“
Er thematisierte, dass es ihm wichtig sei, „dass viele Leute zu Wohneigentum kommen“, denn Eigentum binde Menschen an die Heimat. Dieses Gefühl mit der Gemeinde verbunden zu sein entstehe auch in Leeden, würdigte Laumann den Feierabend-Markt und das lebendige Vereinsleben im Stiftsdorf. Exemplarisch stehe es daher auch mit anderen Orten im Münster-, Sauer- oder Bergischen Land „für eine Reihe recht schmucker Dörfer“.
Anja Karliczek berichtete aus ihrer Arbeit im Bundestag und die anvisierten Reformen der Regierung. „Vieles im System muss in seiner Effizienz besser werden“, so die CDU-Abgeordnete zum Bereich der Sozialversichungen, der Lenkungsfunktion der Hausärzte oder zu einem leistungsfähigen Rentensystem. Denn dann könne mit Blick auf das Leben im Dorf „in kleinen Strukturen das Miteinander der Menschen funktionieren“. Karliczek hob dazu die Bedeutung des Ehrenamts hervor.
Aus der Teilnehmerrunde folgten einige Gesprächsimpulse an die beiden Politiker. Im ländlichen Flächenraum „sollten Pflegedienste sich absprechen“, meinte Karl-Josef Laumann etwa auf eine Anfrage hin. „Die freie Arzt- und Pflegedienstwahl ist mir wichtiger als eine bürokratische Regulierung aus der Politik“, so der 69-Jährige. Anja Karliczek beobachte beispielsweise in ihrem Wohnort Brochterbeck, dass „die Caritas und Diakonie als Pflegedienste bereits kooperieren“.
Die Versorgung im Stiftsort mit Medizinern und einem Zahnarzt, die sich dem Rentenalter annähern, machte der Runde Sorgen. „Mit gut 2000 Einwohnern sei die Arztansiedlung schwierig“, entgegnete Laumann. Vielleicht könne eine Großpraxis mit angestellten Ärzten für Abhilfe sorgen, denn eine Niederlassung in Teilzeit sei nicht einfach. Er optiere für eine Freiberuflichkeit der Arzte und bezeichnete kommunale medizinische Versorgungszentren als „letzte Patrone“, da diese auch Pleite gehen könnten.
Ein Sprecher des Schützenvereins Leeden bedauerte „den hohen Verwaltungsaufwand“ für das Vereinsleben und spielte besonders an die Ermittlung und Zahlung der GEMA-Gebühren bei Veranstaltungen an. „Schützenfeste sind Unternehmen“, entgegnete der mit dem Schützenwesen sympathisierende Laumann. Heute „gehen andere Summen über die Tresen“, meinte er mit Blick auf Zeltmiete, Musikorchester oder Servicekräfte.
Leckereien vom Feierabend-Markt unterbrachen die Gesprächsrunde. Alle Anwesenden ließen sich die Speisen mit den von der IGL servierten Getränke schmecken. Frische Kibbelinge, Currywurst, Bratwurst und Hamburger mundeten auch den Politikern.
Vom Förderverein des Kindergartens Pusteblume sprachen zwei Mütter die permanente Notbetreuung und das Fehlen von Erziehern an. Dadurch könnten Eltern sich auch insgesamt weniger engagieren, meinte das Duo. Anja Karliczek bedauerte, „dass alles auf Kante genäht ist und einfache Lösungen nicht da sind“. Als Idee entgegnete sie, dass vielleicht ein Pool mit Springkräften Entlastung bringen könnte, „wenn man alle Träger an einen Tisch holt“. Generell bezeichnete sie die Engpasssituation in Leeden sogar als positiv mit Blick auf andere Orte im Kreis Steinfurt, „wo aufgrund weniger Kinder die ersten Kitas aufgelöst werden“.
Die Bundestagsabgeordnete erklärte auf Nachfrage eines Vereinsvertreters zu den politischen Abläufen im Landes- und Bundestag: „Demokratie ist langsam.“ Genehmigungsfiktionen sollen Prozesse beschleunigen, aber für Gesetzesänderungen benötige es mit Parlamentsreden und Berichterstattergesprächen ungefähr ein halbes Jahr, „bei komplexen Themen wie der Sterbehilfe aber auch durchaus ein Jahr“.
Bürgermeister Stefan Streit thematisierte abschließend „die hohen Kosten der Schülerbeförderung“ der Stadt Tecklenburg und appellierte somit an mehr Unterstützung seitens des Landes und des Bundes. „Jedes Jahr muss unsere 9000-Einwohner-Kommune etwa eine Dreiviertelmillion Euro investieren“, sah Streit eine Ungerechtigkeit gegenüber Gemeinden, deren Schüler den Fahrtweg in die Burgstadt zum Schulbesuch antreten und die dafür nicht zu zahlen hätten. Der Landesminister könne das ändern, warb das Stadtoberhaupt für eine Entlastung der Kommunen und für eine Änderung der im Jahr 1980 von der Regierung Johannes Rau (SPD) erlassenen Schülerfahrkostenverordnung.
Quelle: WN / Björn Igelbrink
