Dramatische Zwillingsgeburt im Ostsee-Urlaub: Eltern und Babys auf vier Klinikstationen

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Nach einer Frühgeburt im Ostseeurlaub lag Familie Klinke aus Tecklenburg-Leeden zeitweise auf vier Stationen im Universitätsklinikum in Lübeck. Wie Nachbarn, Freunde und Klinikpersonal in der Krise halfen.

Nach turbulenten Wochen endlich wieder zu Hause: Lena Klinke hält Tochter Stella im Arm, Tim Klinke ihren Zwillingsbruder Elio. Die große Schwester Luna ist währenddessen in der Kita. Foto: Charlotte Pape

„Das Leben ist nicht immer planbar.“ Ein Satz, der schnell dahingesagt ist. Bei Familie Klinke aus Tecklenburg-Leeden hat er in diesem Sommer eine ganz neue Bedeutung bekommen.

An diesem Freitagvormittag ist davon zunächst wenig zu spüren. Die frühe Mittagssonne fällt durch eine Fensterfront im Wohnzimmer. Der Blick wandert auf ein großes weißes Holzbett, das mitten im Raum steht. In diesem schlafen die Zwillinge Stella und Elio, die erst wenige Wochen alt sind.

Endlich wieder vereint
Nach einiger Zeit wird Stella unruhig. Lena Klinke (34) hebt ihre Tochter aus dem Bett und trägt sie sanft schaukelnd durch die Wohnung, woraufhin sie nach wenigen Minuten wieder eingeschlafen ist. Nach kurzer Zeit meldet sich auch Elio – offenbar hat er bemerkt, dass seine Schwester nicht mehr neben ihm liegt. Als er zu strampeln anfängt, nimmt Tim Klinke (35) ihn auf den Schoß. Auch ihm fallen bald wieder die Augen zu.

Die Eltern wirken eingespielt. Und vor allem ziemlich glücklich. „Zu Hause ist es am schönsten“, sagt Lena Klinke. „Seitdem wir wieder hier sind, vergeht die Zeit so schnell. Wir genießen die Momente gerade sehr.“

Das ist noch nicht lange so. Vor einem Monat sah die Welt der fünfköpfigen Familie ganz anders aus. Zu diesem Zeitpunkt wussten Lena und Tim Klinke nicht, wann sie mit ihren Kindern überhaupt wieder nach Hause kommen würden. Sie haben schlimme Tage hinter sich. Ihre Zwillinge kamen neun Wochen zu früh zur Welt. Zwischenzeitlich lagen jedoch nicht nur Stella und Elio, sondern auch beide Eltern auf unterschiedlichen Stationen des Universitätsklinikums Lübeck.

An ihrem Hochzeitstag, dem 9. September, sollten die Zwillinge per Kaiserschnitt in Osnabrück auf die Welt kommen. Vor diesem neuen Lebensabschnitt wollte die Familie noch einmal durchatmen. Zwei Wochen Ostsee, ein letzter gemeinsamer Urlaub zu dritt. Um sicherzugehen, dass sie auch wirklich fahren kann, war Lena Klinke einen Tag vor der Abreise extra noch bei einer pränatalen Untersuchung. „Es hieß, wir könnten ohne Probleme in den Urlaub fahren“, erzählt sie. „Mir ging es gut, wir alle hatten Lust auf eine kleine Auszeit am Meer.“ Also fuhren sie los. Lena und Tim Klinke und die vierjährige Luna.

Frühgeburt während des Ostseeurlaubs
Eine Woche später, im Ostseebad Grömitz, platzte Lena Klinke frühmorgens die Fruchtblase. „Ich glaube, meine Fruchtblase ist geplatzt.“ – Mit diesen Worten weckte sie gegen kurz vor fünf Uhr ihren Mann. An viel kann sie sich nicht mehr erinnern. Außer an die Angst, die sie in diesem Moment verspürte. „Zwillinge kommen oft früher, das ist nichts Ungewöhnliches“, sagte sie. Neun Wochen seien jedoch viel zu früh. „Ich habe mir so Sorgen gemacht.“

Da unklar war, wie die Zwillinge im Bauch lagen, musste Lena Klinke liegend ins Krankenhaus nach Lübeck gebracht werden. In der Ferienwohnung herrschte Chaos, erinnert sich Tim Klinke. Während Luna mit ihrem Kuscheltier am Fenster auf den Krankenwagen wartete, packte er die Kliniktasche seiner Frau. „Ich war so überfordert, ich stand mit nassen Socken vom Fruchtwasser vorm Schrank und wusste gar nichts mehr“, erzählt er. Aus der Wohnung hörte er seine Frau nur rufen: „Eine Hose, ein T-Shirt.“ Viel Auswahl gab es ohnehin nicht – schließlich war die Familie im Urlaub.

Danach ging alles ganz schnell, wie die Eltern berichten. Lena Klinke wurde in die Klinik gebracht, ihr Mann fuhr mit Luna im Auto hinterher. Ein kleines Erinnerungsstück an die Fahrt hat die Familie heute noch: Auf dem Weg in die Klinik wurde Tim Klinke geblitzt.

Zeitgleich machten sich die Eltern von Tim Klinke auf den Weg nach Lübeck. Sie nahmen sich spontan eine Woche Urlaub, um sich in dieser nervenaufreibenden Zeit um die Enkelin Luna zu kümmern.

„Ohne die Zwillinge verlassen Sie dieses Krankenhaus nicht mehr“
Lena Klinke hatte anfangs noch die Hoffnung, vielleicht in ein anderes Krankenhaus in der Heimat verlegt werden zu können, doch dazu kam es nicht mehr. „Ohne die Zwillinge werden sie dieses Krankenhaus nicht mehr verlassen“, hieß es seitens der Ärzte. Sie behielten recht. Noch am selben Tag, gegen 10 Uhr, wurden die Zwillinge Stella und Elio geboren. Der Kaiserschnitt verlief gut. Stella wog 1910 Gramm und war 48 Zentimeter groß, Elio brachte 2200 Gramm auf die Waage und maß 46 Zentimeter. Beide kamen zunächst auf die Kinderintensivstation.

Vorübergehendes Zuhause auf dem Klinikgelände
Für die Familie begann damit eine Zeit, in der kaum etwas so lief, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Zunächst stellte sich die Frage, wo Tim und Tochter Luna bleiben konnten, um in der Nähe der Zwillinge zu sein. Die Wohnungen in der Umgebung waren belegt oder für einen längeren Aufenthalt zu teuer. Schließlich fand die Familie im Ronald-McDonald-Haus auf dem Klinikgelände ein vorübergehendes Zuhause. Noch heute schwärmt Tim Klinke von der Unterstützung, die die Familie vor Ort erhalten habe: „Es waren alle so lieb und hilfsbereit.“

Doch zur Ruhe kam die Familie dort nicht. Kurz nach der Geburt bekam Lena Klinke hohes Fieber. Ein Milchstau kam hinzu, ihre Gebärmutter hatte sich ebenfalls entzündet. Sie musste stationär behandelt werden. Fast gleichzeitig verschlechterte sich der Gesundheitszustand ihres Mannes. Schon seit Tagen hatte Tim Klinke Kopfschmerzen. „Ich dachte die ganze Zeit, das ist der Stress, oder vielleicht ein Sonnenstich“, erzählt er. „Ich wäre deswegen niemals zum Arzt gegangen.“

Eltern und Zwillinge auf vier Stationen
Seine Frau machte sich Sorgen, woraufhin die Ärzte auf der Frühchenstation reagierten und Tim Klinke schließlich in die Notaufnahme schickten. Es stellte sich heraus, dass er eine Meningitis (Hirnhautentzündung) hatte. Drei Tage musste er im Krankenhaus bleiben – seine neugeborenen Kinder durfte er in dieser Zeit nicht besuchen.

Damit befanden sich Lena und Tim Klinke auf den am weitesten voneinander entfernten Stationen des ganzen Klinikums, während ihre älteste Tochter bei den Großeltern im fernen Osnabrück umsorgt wurde. Tim Klinke durfte kaum aufstehen, Lena Klinke war zu schwach, um den langen Weg allein zurückzulegen. Dass sie sich trotzdem sehen konnten, verdanken sie dem Klinikpersonal. „Morgens hat mich eine ganz liebe Pflegekraft immer im Rollstuhl zu Tim gebracht“, erzählt Lena Klinke. „Dann konnten wir zusammen frühstücken.“

Die Situation erreichte ihren Höhepunkt, als Stella einen Tag vor ihrem Bruder auf die Frühchenstation verlegt wurde. Für eine Nacht befand sich die Familie auf vier verschiedenen Stationen der Klinik: Lena lag auf der Geburtsstation, Tim auf der Neurologie, Stella auf der Frühchenstation und Elio auf der Kinderintensivstation. Nur Luna war bei ihren Großeltern.

Fast einen Monat verbrachte die Familie in Lübeck. Wenn Lena und Tim Klinke heute von dieser Zeit erzählen, sprechen sie von Angst, Erschöpfung und Ungewissheit. Vor allem aber erzählen sie von den Menschen, die plötzlich da waren.

Unterstützung aus der Heimat
Zusätzlich zu den Großeltern, die sofort reagierten, fuhren Freunde nach Lübeck, um die Familie zu besuchen. Aus der Heimat kamen Care-Pakete. Viele den Klinkes Nahestehende kümmerten sich um all die Dinge, die für sie plötzlich weit weg waren. „Wir haben so viel Zuspruch und Unterstützung erhalten“, sagt Tim Klinke. „Das war der Wahnsinn.“

Auch Hunderte Kilometer entfernt lösten die Nachbarn, Freunde und Eltern Probleme, von denen vorher niemand ahnen konnte, dass es sie einmal geben würde. Für die Geburtsurkunden der Zwillinge benötigte die Familie in Lübeck ihre Eheurkunde – innerhalb weniger Tage. Das Dokument lag allerdings zu Hause in Leeden. „Es lag unter Stapeln in dem Zimmer mit dem größten Chaos“, so Lena Klinke. „Ein Raum, wo man eigentlich keinen reinlassen kann.“ Die Nachbarn suchten trotzdem. Und sie fanden die Urkunde rechtzeitig.

Auch um Haus und Garten kümmerten sie sich. Kurz vor dem Urlaub hatte die Familie den Vorgarten neu anlegen lassen – nicht wissend, dass sie wochenlang nicht zurückkommen würde. Kurzerhand organisierten sich die Nachbarn über eine Whatsapp-Gruppe. Sie gossen die Pflanzen, mähten den Rasen und passten auf das Haus auf.

Nach gut einem Monat in der Klinik in Lübeck durfte die Familie schließlich nach Hause. Dort wartete die nächste Überraschung: „Unser Garten sah besser aus denn je“, sagt Tim Klinke. Im Vorgarten blühte ein Meer aus lilafarbenen Blumen, vor der Tür stand sogar ein Pflanzenkörbchen.

„Unser Garten sah besser aus denn je“ Tim Klinke, Vater der Zwillinge
Die Familie ist erschöpft, glücklich und vor allem dankbar. „Es verlief nicht wie geplant“, sagt Lena Klinke. „Aber jetzt sind wir hier, und ohne die Hilfe und Unterstützung all dieser Menschen hätten wir das nicht geschafft. Danke!“

Quelle: WN / Charlotte Pape